Des Gesindels Gesinde
Dieses gesamte Agitatorenpack, das sich anhaltend Opfer bei den Schwächsten sucht, zwischen Ausländern und Erwerbslosen hin und her pendelt, um seine Verächtlichkeit, sein schwefeliges Gift abzusondern – diese rundum charakterlose Brut, die gegenwärtig Hochkonjunktur erleben darf, die gedeiht und floriert,…

die den Hass, welcher üblicherweise zwischen Herrengedecken wohnhaft ist, an die Öffentlichkeit zerrt – all dieses Geschmeiß aus Leuteschindern und Herrenmenschen, aus egoistischen Kauzen und selbstsüchtigen Sonderlingen, welches mit Leidenschaft Missgunst und Groll veredelt – dieses Gesindel, so hört man heute wieder, in jeder noch so demokratisch oder humanistisch eingefärbten Ecke, sei zwar scheußlich und ekelhaft, aber wenn man ehrlich sei, so ehrlich wie diese Agitpropisten letztlich selbst seien, dann müßte man schon zustimmend nicken und anstandslos anerkennen, dass sie, zwar mit unangebrachtem Maulheldentum und saftiger Grobschlächtigkeit, dennoch den Weg der Erkenntnis gingen, die Wahrheit tröpfchenweise ins öffentliche Bewußtsein träufeln.
Einiges sei zu befürworten, hört man von vielen Seiten; manche Punkte seien geradezu eine Erleuchtung, muß man sogar von selbstbescheinigten Humanisten vernehmen. Wer arbeiten könne, so hallt es beispielsweise durch die Lande, der sollte auch arbeiten – da habe dieses provokative Gesindel schon vollumfänglich recht. Wer nicht arbeitet, der sollte auch nicht zu viel essen – das steht selbst für das liebevollste Naturell außerhalb jeder Debatte, tut sich als jener Tellerrand auf, über den zu blicken man sich selbst verboten hat.
Kurzum: Die Prozedur wird zwar verurteilt, die strenge, herrische Sprache, dürfe man nicht kommentarlos stehenlassen, aber grundsätzlich sei das Motiv anmutig, uneigennützig, ja selbstlos geradewegs – das Wie stößt sauer auf; das Ob ist unnahbar. Denn es sei bei aller Liebe, aller Menschen- und Nächstenliebe, zweifellos kein fruchtbarer Diskussionsstoff, ob denn jemand, der arbeiten könne, auch arbeiten sollte. Das sei doch immerhin selbstverständlich, der kleinste gemeinsame Nenner – nicht wahr?
Warum dürfe man diesen unanfechtbaren Kern an Wahrheit, der sich in den Tiraden der Aufwiegler eingerichtet hat, nicht am Schopfe packen, um ihn zu verteidigen? Warum erdrückt man Fakten, würgt die Wahrheit ab, nur weil sie mit Formfehlern gereicht wird, weil sie also nicht rhetorisch fachgerecht präpariert wurde?
Wer arbeiten kann, der soll auch arbeiten! Was gegenwärtig soviel heißt wie: Der Mangel an Arbeitsplätzen ist kein Grund, nicht trotzdem arbeiten zu sollen. Kostenlos wenn nötig, für mickrige Aufwandsentschädigungen, wenn es denn unbedingt sein muß! Denn auch wenn man umsonst arbeitet – ganz umsonst ist gute Miene zum bösen Engagement nie. Es ist, wenn man es drastisch ausdrücken möchte, ein verklausuliertes Bekenntnis zur Zwangsarbeit; ein in Wahrheitsliebe schlummerndes Bekenntnis zum Frondienst.
Ein Bekenntnis zu einer joviale Spielart von Bundesarbeitsdienst – und es ist nicht zuletzt die Bereitschaft, die Realitäten auszublenden, sie gegen ein Surrogat aus Schlagwörtern und Kampfbegriffen auszutauschen, gegen ein Szenario auszuwechseln, dass von Agitprop geschaffen wurde und mit der Existenzwirklichkeit kaum etwas zu tun hat.
Und in höherer Instanz ist es das schüchterne Eingeständnis, dieses Land mit eisernem Besen gekehrt wissen zu wollen; das Begehr, endlich durchgreifende Hände zu spüren, endlichendlich einer Führerschaft folgen zu dürfen, die sich nicht mit pausenlosem Lamento, mit Ausreden und Diskussionskultur aufhält, sondern die Schmarotzer und ihre Klientel, gleich vor fixe Tatsachen stellt.
Wer des Agitators Aussagen beschwichtigt, auf Herz und Nieren, das heißt, auf Wahrheitsgehalte prüft, ihm auch nur ein Fünkchen an Seriosität belassen will, der treibt die Sache dieser Herrschaften voran, der gestattet, dass man selbst im Hassprediger eine vertrauenserweckende Gestalt erahnt. 
Es ist, als würde man dem Widerling den Smoking an den Leib und die Lackschuhe an den Klumpfuß anpassen, damit er im Salon, auf der Tanzfläche, nicht als Sonderling auffällt, damit er zur Szenerie paßt – es ist, als würde man ihm die Fliege mitsamt der Salonfähigkeit um den Kragen wickeln, um ihn vor Peinlichkeiten zu bewahren, die so einem Fremdling bei einem rauschenden Ball widerfahren könnten.
Es ist, als verpasste man ihm eine angemessene Robe, damit er in der Mitte der Demokratie verweilen kann, wie ein angesehenes Mitglied einer ehrenwerten Gesellschaft, damit er als einer inter pares für seine Sache werben, wankelmütige Gesellschaftsmitglieder anstecken kann. Außerhalb rauschender Ballnächte steht das Gesinde dieses Gesindels, jene, die dem Herrn in Frack und Zierat geholfen, die ihm die Schuhe gewiehnert und gewichst, die nur den Duktus gerüffelt, nie aber den darin kostümierten Pogrom verurteilt haben.
Gesinde und Gesindel: wenn der kleine Mann zum ersehnten Messias aufblickt, wenn der Kapo seinen Lagerleiter erahnt, wenn die Sturmabteilungen zum Führer finden. Erst wirft man die Kotzbrocken in Schale, beschwichtigt sie, lobt ihren Rigorismus, rügt ihre Kritiker, hilft ihnen in die Säle, die die Kontrolle bedeuten – und danach wirft man sich selbst in fesche Uniform, beschwichtigt seine Mordslust, lobt den eigenen Rigorismus, rügt die eigenen Kritiker, hilft sich selbst in die Vorzimmer und Schlachthallen der Säle, die die Kontrolle bedeuten. 
Dann heißt es wieder: Menschlich ist das nicht, was wir da treiben; zugegeben, es ist eher ein blutiges Geschäft – aber trotzdem, wir tun es für die Wahrheit, wir verfolgen, rauben und schlagen für die Wahrheit tot. Und der Jargon, den sie einst verurteilten, er wird getilgt, er wird ausgewechselt, durch schönere Begriffe ersetzt, pflanzt die Sonderbehandlung dorthin, wo einst die Verfolgung erblühte.
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| Veröffentlicht 08:27:34 02.03.2010 |
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